Autor: Johannes 27. Juni 2017

Stage 9: Ivalo – Murmansk (300km | 9,5h)

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Gestärkt durch einen kurzen Powernap nach der gestrigen Nachtfahrt machten wir uns auf den Weg zur russischen Grenze. Das 6. Land der Rallye wollte uns allerdings nicht so schnell Willkommen heißen wie gehofft. Mehrere Rallyeteams, ebenfalls gezeichnet von den duschen- und schlafarmen Etappen des Baltic Sea Circle, erwarteten uns schon. Anschließend folgte eine Amarda aus Passkontrollen und Wartezeiten inklusive Schockmoment.

Ohne offizielle Vollmacht des Fahrzeughalters geht nix. Ziemlich blöd, wenn das Auto auf den Vater läuft, der 3.000km entfernt beim Mittagessen sitzt. Irgendwann war es dann doch soweit: Ein uniformierter Zöllner rief uns zum Filzen auf. Trotz aller Ernsthaftigkeit in der Sache gestaltete sich das Ausräumen unseres bis unters Dach vollgestopften Autos als ziemlich amüsant. Selbst dem strengen Gesicht des Zöllners konnten wir mit unserem Fünften Sitzplatz ein leichtes Lächeln entlocken. Als er dann jedoch unsere ekelhafte Dachbox voller nasser Wanderschuhe öffnete, begannen seine Mundwinkel zu zucken, und mit dem Entfesseln des (wirklich abartigen) ungespülten Walfischgeschirrs war es dann um jegliche Haltung geschehen, das allgemeine Gelächter nicht mehr zu halten. Die gute Laune und Freundlichkeit der Zöllner werden wir sicher in Erinnerung behalten.

Nach 3,5h Behördenodyssey betraten wir dann alle zum ersten Mal russischen Boden. Den Umständen und unseres Zustandes gebührend feierten wir dies an der nächsten Tanke mit RedBull statt Bier, in weißer Voraussicht der anstehenden Buckelpiste und unseres eigenen Zustandes.

Tatsächlich hätten wir es uns nicht schlimmer ausmalen können: Raue Schotterpisten, mehr Schlaglöcher als Straße und bewaffnete Checkpoints zwangen unserem überladenen Pajero langsames Tempo und übelste Beanspruchung auf.

Nach stundenlanger Fahrt durch schier endlose Wälder und halbverlassene Siedlungen erreichten wir am Abend Murmansk. Die Stadt gleicht einer grauen Betonwüste aus Fabriken mit rauchenden und stinkenden Schlotten und riesigen Plattenbauten, trostlos und irgendwie faszinierend zugleich. Schwäbisch wie wir sind hatten wir am Tag zuvor für schmales Geld ein Appartement im „Zentrum“ der Stadt reserviert.

Dort angekommen erwartete uns allerdings nicht die erhoffte Rezeption sondern nur ein schäbiger Hinterhof mit Hühnern und Hunden. Durch Hilfe von Passanten, die allerdings kein Wort englisch sprachen, unzähligen Telefongesprächen und einer eskortierten Fahrt durch die Stadt fanden wir schließlich irgendwann unser Appartement. Ziemlich dubios …

Die harten Schlaglochpisten des Tages hatten allerdings ihre Opfer gefordert. So verbrachten wir den Abend statt in einer Bar unter unserer Motorhaube, was uns im kleinen Hinterhof einiges an Aufsehen bescherte und uns in interessante Gespräche mit Einheimischen verwickelte. Krass, wenn man als 25 Jähriger noch nie einen Deutschen getroffen hat.

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